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Das Zittern muss nun zittern

Hochentwickelte Ultraschalltechnik schafft neue Diagnose- und Therapiemöglichkeiten bei Zittern und Parkinson

Chronisches Zittern tritt nicht nur bei der Parkinsonschen Krankheit auf sondern kann sich auch unabhängig davon entwickeln und wird im Laufe der Zeit sogar schlimmer. Die Ärzteschaft spricht dann von "Essenziellem Tremor". Zur Behandlung dieses Tremors standen bisher nur einige Medikamente zur Verfügung und ein operativer Eingriff, bei dem Elektroden bis zu 8 Zentimeter tief in das Gehirn eingepflanzt werden. Über diese Elektroden werden in bestimmten Zielregionen des Gehirns Strom-impulse gegeben, die das Zittern unterdrücken.

Ohne Bohrlöcher in den Schädel

Seit Kurzem aber steht eine weitere Therapiemöglichkeit zur Verfügung: der von einem MRT gesteuerte fokussierte Ultraschall (MRgFUS). Hierzu braucht der Schädel nicht geöffnet zu werden. Die Patienten bekommen einen helmförmigen Ultraschallwandler aufgesetzt. Von diesem werden über 1.000 Ultraschallwellen in ein vorher ausgesuchtes Gebiet im Gehirn geschickt. Diese Ultraschallwellen werden in Wärme umgewandelt und veröden dadurch das Gewebe. Das Zittern wird dadurch um 80 bis 90 Prozent auf der behandelten Seite der Patienten vermindert. Diese Wirkung hält mindestens fünf Jahre an.

Ob die Neurochirurgie nun Elektroden einschiebt oder die Ultraschallmethode wählt, setzt aber immer voraus, dass ein Team von Ärztinnen und Ärzten verschiedener Fachrichtungen die Patienten beurteilt. Denn Voraussetzung ist, dass die Patienten jedes dieser aufwendigen Verfahren vertragen. Das schonendere Ultraschallverfahren aber könnte ermöglichen, dass ein größerer Patientenkreis von dieser bahnbrechenden Therapie profitiert, und seine Lebensqualität ebenso wie die Berufsfähigkeit erhalten bleiben.

Das Therapieverfahren mithilfe des fokussierten Ultraschalls dauert insgesamt drei Stunden mit all seinen Vorbereitungen, während die eigentliche gezielte Thermobehandlung nur etwa 20 Sekunden dauert. In der Wirkung ist das neue Verfahren mit dem der tiefen Hirnstimulation vergleichbar. Umliegende Gewebestrukturen und Blutgefäße werden nicht in Mitleidenschaft gezogen. Weltweit sind derzeit etwa 4.000 Patienten mit diesem Verfahren behandelt worden. "Es werden aktuell routinemäßig überall nur einseitig angewandt", erklärte Steffen Paschen, Oberarzt in der Neurologie am Universitätsklinikum Schleswig Holstein, Kiel.

Der M. Parkinson ist eine Erkrankung des ganzen Nervensystems

Auf dem Gebiete des M. Parkinson liegt der Gewinn durch die Ultraschalltechnik in der Diagnose. Das kommt zur rechten Zeit: In Deutschland sind derzeit etwa 400.000 Menschen an Parkinson erkrankt. Weltweit wird mit einer starken Zunahme der Erkrankungen gerechnet. Bis heute ist die Therapie symptomatisch, und die Medikamente verschaffen leider nur Linderung der Symptome Verlangsamung, Steifigkeit, Ruhezittern. Der Untergang von Nervenzellen, der für alle Symptome verantwortlich ist, hat schon jahrelang vorher stattgefunden und lässt sich nicht umkehren. Das Fortschreiten der Erkrankung lässt sich dann nicht mehr aufhalten.

Die Zellen, die das nötige Dopamin produzieren sollen, finden sich in einer schmetterlingsförmigen Region des Mittelhirns, die Substantia nigra (schwarze Substanz) genannt wird. Lange Zeit kann das Gehirn die Ausfälle dieser Region noch kompensieren, so dass man das bestehende Defizit nicht in der Diagnose feststellen kann. Das hat sich nun geändert, seit ärztliche Forscher Mitte der 90er Jahre mithilfe von Ultraschall entdeckten, dass sich Auffälligkeiten in der Substantia nigra zeigten: Die Region zeigte sich als vergrößert und mit hellen Bereichen. Das erklärt sich durch einen erhöhten Eisengehalt und aktivierte Entzündungszellen. Von diesen wusste man in der Parkinson-Diagnostik schon länger. Nur konnte diese krankhafte Veränderung noch nicht in einem bildgebenden Verfahren dargestellt werden. "Die Entdeckung im Zusammenhang mit Störungen durch die Parkinson-Erkrankung hat aber nun auch dazu geführt, dass das Ultraschallverfahren bei Menschen mit Eisen- oder Kupferspeicherkrankheit zur Diagnostik herangezogen werden kann", sagte Daniela Berg, Direktorin der Klinik für Neurologie, Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Kiel.

Der Ultraschallkopf wird bei diesem Verfahren zur Diagnostik an den Schläfen aufgesetzt, da der Schädelknochen dort am dünnsten ist. Je älter Patienten werden, nimmt der Schädelknochen jedoch noch an Dicke zu, so dass vorkommen kann, dass das Verfahren in Einzelfällen nicht genutzt werden kann.

Eigentlich sollten sie nur als Kontrollen mitmachen …

Als die Forscher das Verfahren weiter erforschen wollten, kam es unerwartet zu einer Entdeckung, die sie erschütterte. Sie stellten fest, dass mithilfe von Ultraschall nicht nur die Diagnostik von Erkrankten verfeinert werden kann, sondern dass die Krankheit auch bei noch völlig symptomlosen Menschen festgestellt werden kann. Zum Zwecke der Forschung bat man Leute, als Kontrollpersonen mitzumachen – und war dann erstaunt, dass man bei einzelnen unter ihnen frühe Anzeichen der Erkrankung vorfand. Der Große Gewinn dieses diagnostischen Verfahrens besteht also darin, dass man frühe, noch nicht symptomatische Krankheitszeichen feststellen und die Erkrankung in Frühstadien bekämpfen kann, wenn die Aussichten noch vielversprechend sind. Dieser auch volkswirtschaftliche Gewinn lässt sich noch gar nicht abschätzen.

A. Martin Steffe, Hamburg, im Mai 2022