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Entzündungen bleiben nicht örtlich begrenzt

Alterung und Alterskrankheiten werden verschlimmert

Hamburg (ams) "Entzündung" kommt als medizinischer Begriff im Alltag häufig vor; denn es kommen auch viele Erkrankungen vor, die von den betroffenen Laien als Entzündung erklärt werden. Das ist tragisch. Denn die vielen nach kurzer Zeit abklingenden leichten und akuten Entzündungen erwecken den Eindruck, dass sie nur in der akuten Form vorkommen. Es ist viel zu wenig bekannt, dass im Hintergrund eine umfassende und andauernde Entzündung den Körper beeinträchtigt und gefährdet. Diese auch "stille" genannte Entzündung verschlimmert den normalen Alterungsprozess des Menschen und verursacht einen unnötigen Grad von Gebrechlichkeit und Medikamentenabhängigkeit.

Laut einer Erhebung des Robert-Koch-Instituts sind in der deutschen Bevölkerung zwischen 70 und 79 Jahren 3,8 Prozent der Frauen und 2,6 Prozent der Männer gebrechlich, doch schon weitere 40,1 und 39,6 Prozent befinden sich in einer Vorstufe von Gebrechlichkeit. Es wäre wünschenswert, wenn die Allgemeinbevölkerung ebenso wie die Ärzteschaft die chronischen stillen Entzündungen als einen zentralen Ansatzpunkt wahrnähmen, von dem aus Organalterung, Alterskrankheiten und Gebrechlichkeit vorgebeugt werden oder sie wirkungsvoll behandelt werden können. Auch unter den noch gesunden älteren Erwachsenen zeigte sich bereits ein Zusammenhang zwischen einem entzündungsförderlichen Ernährungsstil, erhöhten Entzündungswerten und einem bereits gestörten Eisengleichgewicht. Haben alte Patientinnen und Patienten Vorhofflimmern, dann weist ihr Blut bereits Akutphaseproteine und Entzündungsfaktoren aus dem Knochenstoffwechsel auf. Sind alte Patientinnen und Patienten schon gebrechlich, dann geht ein hoher Entzündungsstatus bei ihnen mit einer Anämie einher. Möglicherweise verschlimmern bestimmte Medikamente diesen Zustand und verhindern, dass wichtige Spurenelemente aufgenommen werden. Die gebrechlichen Patienten jedenfalls weisen besonders niedrige Selen- und Zink-Konzentrationen auf – just die beiden, die für ein gut reagierendes Immunsystem unerlässlich sind.

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Parodontitis: Symptom und Ursache (©proDente, Köln)

Parodontitis: Ursache und Lehrbeispiel

Am besten verdeutlichen lässt sich der Zusammenhang zwischen stillen Entzündungen, Schäden am gesamten Körper und unnötig gebrechlichem Altern anhand der Parodontitis. Nicht einmal diese von außen auch dem Laien erkennbare Entzündung veranlasst Patientinnen und Patienten oder die Ärzteschaft, sich die Kontrolle der Entzündung gezielt vorzunehmen; denn sonst hätten wir in der Gesamtbevölkerung nicht 14 Millionen Erwachsene, die an einer behandlungsbedürftigen Parodontitis leiden!

Bakterielle Beläge auf Zähnen und Zahnfleischrand lösen sowohl umschriebene Entzündungen wie auch die umfassende chronische Entzündung im Körper aus. Volkskrankheiten wie Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, chronische Atemwegs-Erkrankungen und Krebs hängen unmittelbar mit einer Parodontitis zusammen. Die Bakterien in den Zahnfleischtaschen setzen entzündungsfördernde Stoffe frei, die sich über den Blutkreislauf überall hin verteilen.

James Joyce: Es geht auch schonender

Eigentlich könnten schon Fälle von Prominenten auf die Hintergrundsgefahr stiller Entzündungen hinweisen. Vom irischen Schriftsteller James Joyce wird berichtet: "Im selben Jahr überzeugte ihn (= James Joyce) der namhafte Pariser Augenarzt Dr. Louis Borsch, dass die Iris-Entzündungen von den vereiterten Zahnwurzeln herrührten. Daher ließ Joyce sich in zwei Sitzungen sämtliche Zähne ziehen und durch eine Vollprothese ersetzen." (Univadis, 2. und 9.5.26)

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Parodontitis belastet den ganzen Körper (©proDente, Köln)

Parodontitis verschlimmert schwere Erkrankungen, die ursprünglich aus anderen Gründen entstanden sein mögen. Das gilt insbesondere für den Diabetes. Umgekehrt verschlimmert aber ein Diabetes auch die Parodontitis. Eine unbehandelte Parodontitis verschlechtert die Blutzuckerkontrolle, dadurch erhöht sich der HbA1-Wert, wodurch wiederum die Folgeerkrankungen gefördert werden, so etwa die Nierenschäden. Menschen mit Parodontitis erleiden öfter Herzinfarkte und Schlaganfälle. Bei schwerer Parodontitis steigt das Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen um 49 Prozent in nur sechs Jahren. Das zeigte eine schwedische Studie.

Mund und Lunge: Durch dieselbe Luft verbunden

Besonders bedroht sind die Atemwege und die Lunge. Das muss jedem einleuchten; denn schließlich gibt es keine Schranke vor der Lunge, die den Übertritt von Bakterien im Munde durch den Atemstrom in die Lunge verhindern könnte. Es gibt auch Hinweise auf bestimmte Krebsarten im Mund- und Rachenraum. Bakterien und die von ihnen ausgelösten Entzündungsbotenstoffe sind eigentlich so aggressiv, dass bakterielle Infektionen auch an Endoprothesen oder Herzklappen ausgelöst werden können.

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Mundhygiene ist umfassende Gesundheitspflege (©proDente, Köln)

Die Botschaft an die Bevölkerung muss lauten, dass Vorsorge oder wenigstens frühes Eingreifen unerlässlich sind. Bei unklaren Beschwerden, für die sich keine Ursachen finden lassen, sollte immer die Mundgesundheit geprüft werden. Mitunter sehen Zahnärztinnen und Zahnärzte junge Menschen häufiger als Hausärzte. Hier liegt ein Potential, das Übergreifen einer Parodontitis zu verhindern und Betroffene zu ihren Hausärzten zu schicken. Zu Vorbeugemaßnahmen zählt neben sorgfältiger Zahnpflege auch eine entzündungshemmende Kost. Diese ist weitgehend mit der bekannten Mittelmeer-Kost identisch. Darüber hinaus gibt es weitere Lebensmittel, die eine immunschützende und entzündungshemmende Wirkung haben, wie etwa Beerenobst oder Gewürze wie Kurkuma und Zimt. Das Entzündungsgeschehen ist tatsächlich eine so ernste Gefahr, dass Patientinnen und Patienten bereit sein sollten, ihren Entzündungsfaktor im Labor feststellen zu lassen, selbst wenn es sie selbst Geld kosten sollte. Zeigen sich Auffälligkeiten, so kann ein solcher Test zu gezielter Therapie führen und einen Leidensweg verhindern, der sich ergibt, wenn man erst auf Krankheitszeichen wartet. Wenn mehr Patientinnen und Patienten entschlossen nach Entzündungen fahnden und sie dann bekämpfen, könnten sich für die Krankenkassen bedeutende Ersparnisse ergeben.

A. Martin Steffe, Hamburg, im Juni 2026

Prof. Dr. med Ursula Müller-Werdan, Montags-Pressekonferenz anlässlich des 132. Kongresses der DGIM, 20.4.2026
Pressemeldung "Parodontitis – die stille Volkskrankheit". proDente e.V., Köln

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