Gesundheit
Reisen & Kultur
Impressum
Button-Link
 
 

Das Werk des „kleinen” Spechtshart ruht in Séléstat

Eine Beschreibung Hugo Spechtharts von Reutlingen, manchmal nur Hugo von Reutlingen genannt, ist nicht schwer zu finden. Größere Lexika widmen dem berühmten Lehrer, Musiktheoretiker und Geschichtsschreiber mindestens einen kurzen Artikel. Bücher über Reutlingen widmen ihm, dem einstigen Kaplan an St.Marien, stets ein kleines Kapitel. Zählen seine Werke doch zu den wichtigsten Quellen der Schul- und Musikgeschichte des 14. Jahrhunderts.
Hugo Spechtshart lebte von 1289 bis 1359 oder 1360.
  Die zwei Bände Konrad Spechtsharts in der Bibliothek von Séléstat
Die zwei Bände Konrad Spechtsharts in der Bibliothek von Séléstat

Anders sieht es da mit Konrad Spechtshart aus. Um etwas über ihn zu finden, muß man schon in mehreren großen und speziellen Lexika nachschlagen. Als Neffe Hugos, dem er beim Abfassen der großen Werke half, wird er, wenn überhaupt, nur kurz erwähnt. Dabei sind Hugos Werke voll der Randbemerkungen (Glossen) Konrads, und er war es auch, der Hugos Werk in Verse faßte (meist leoninische Hexameter). Manche Lexika sind sich nicht einmal sicher, ob sie den lateinischen Verwandtschaftsnamen richtig als „Neffe” oder „Vetter” zu übersetzen haben. Aber da Konrad im Jahre 1395, also rund 35 Jahre später als Hugo, starb, dürfte es sich eher um einen Neffen gehandelt haben.

Ein Weltbürger kehrt in die Heimat zurück

Konrad hat vermutlich in Prag studiert. Denn dort gibt es an der Universität für das Jahr 1375 einen Eintrag „Conradus Spehzhardi”. Das ist insofern auch nicht besonders überraschend, als sich zu jener Zeit viele Reutlinger Bürgerssöhne in den Büchern von Städten wie Prag, Wien, Erfurt, Wittenberg und Braunschweig eingetragen finden. Konrad Spechtshart lehrte wohl auch an der Hohen Schule zu Erfurt. Später kehrte er nach Reutlingen zurück und war vermutlich der erste verheiratete Lehrer an der hiesigen Lateinschule. Konrad erbte von seinem Onkel Hugo den Hausener Widemhof. Er ist auch belegt als Käufer eines Pfarrhofs mit Vogtei in Unterhausen im Jahre 1360.

Die zwei Bände Konrad Spechtsharts in der Bibliothek von Séléstat
Die zwei Bände Konrad Spechtsharts in der Bibliothek von Séléstat
  Zu Unrecht aber wird Konrad nur als Helfer erwähnt. Die berühmte Renaissancebibliothek Beatus Rhenanus im elsässischen Schlettstadt (Séléstat), die in diesem Jahre genau 550 Jahre alt wurde, hat zwei umfangreiche, gut erhaltene Bücher von „Conrad de Reutlingen”, wie er im Vitrinenschild bezeichnet wird. Auch in seinen beiden Werken wird Lehrstoff wie Konjugationen der Verben, Wortfamilien und Worterklärungen in zierlicher gotischer Schrift aufgeführt.

Jüdische Schriften zur Verstärkung

Das Manuskript 56 der Bibliothek ist Konrads „Speculum grammaticae cum tabula et glossa” - Spiegel der Grammatik mit Tabellen und Randbemerkungen. Es wurde 1364 auf Papier geschrieben. Manuskript 66 umfaßt 5420 Verse und enthält ebenfalls Sprachlehre und Unterrichtslehre. Beide Bücher sind ziemlich genau 30 mal 20 cm groß und 8 cm dick. Die dicken mit Kupfernägeln versehenen Ledereinbanddeckel führten 1995 zu einer kleinen Sensation: Man entdeckte in ihnen hebräische Pergamentblätter als Verstärkung der Einbanddeckel.   Ausschnitt einer Textseite mit Randbemerkungen
Ausschnitt einer Textseite mit Randbemerkungen
Experten eines judaistischen Kongresses in Straßburg identifizierten sie als Gebetsgedichte (Mahzor) wahrscheinlich des Wormser Rabbiners Meir ben Isaak. Im Jahre 1349 waren die Juden aus dem Elsaß vertrieben worden. Danach wurden ihre Schriften anscheinend als Material ausgebeutet.

Blick auf die Seiten mit Konj. lateinischer Verben
Blick auf die Seiten mit
Konj. lateinischer Verben
 

Konrads Werke selbst wurden noch nicht ganz abgeschlossen. Manche großen Anfangsbuchstaben sind noch nicht ausgeführt, und auf den meisten Seiten fehlt die rote Ausmalung der Versanfangsbuchstaben. Dafür wird ganz am Schluß sein Name aufgeführt, und auch der Abschreiber Johannes Götzmann aus Schlettstadt schließt seine Mühen mit dem Namen ab.

In dem unscheinbaren Universitätsgebäude inmitten Schlettstadts kann jede interessierte Person auf dem Weg zum Urlaub leicht einen Blick auf die kostbaren gelehrten Werke werfen.

A. Martin Steffe, Reutlingen