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Viel mehr als nur lustige Instrumente
Museum für mechanische Musikinstrumente in Mittelfinnland

Varkaus? Wo liegt denn das? Auch Finnlandkennern ist diese Stadt inmitten des Landes nicht so bekannt wie Helsinki, Turku, Porvoo, Vaasa, Rovaniemi oder Lahti. Aber es gibt einen starken Grund, warum sich jeder Umweg in diese Stadt lohnt: Das Museum für automatische Musikinstrumente. (Darüber hinaus besteht die Stadt auch nicht nur aus den großen Industrieanlagen, die man von der Nationalstraße aus sieht. Sie hat auch herrlich gelegene Stadtviertel am nördlichen See.)

Leute mit einer technischen Ausrichtung oder ganz- oder halbberufliche Musiker werden gleichermaßen sagen: Und? Was habe ich davon? Nicht so skeptisch. Ganz viel hat man davon! Es gibt wohl kaum ein Musikinstrumentemuseum in Europa, sicherlich nicht in Skandinavien, das in einer derartigen Dichte die Entwicklung mechanischer Musikinstrumente aufzeigt. Und das Wichtige daran ist, dass es nicht nur das Mechanische selbst ist, das man offenen Mundes anschauen kann, sondern es hängt so viel Nichtmechanisches damit zusammen. Doch, man darf sich auch einfach amüsieren. Aber das Museum birgt viel mehr als Amüsement.


Schön anzuschauen, schön zu hören: Eine französische Nachtigall

Mit der Spieluhr fing es an

Kern der Entwicklungen war die Spieluhrmechanik. Häufig in Vögelchen, deren Stimme man mit Spieluhr oder Flöten nachmacht. Bis heute stellt eine chinesische Firma solche Vögelchen im Käfig her. (Vielleicht bekommt Trump so etwas als Geschenk beim nächsten Staatsbesuch in China.) Doch schon bei diesen einfachen Mechaniken kam langsam etwas in Gang, dessen Tragweite wir erst heute spüren, nämlich in der Computertechnologie. Auch bei den gigantischsten heutigen Geräten basieren sie auf dem Prinzip Ja-Nein/positiv-negativ/Strom-Nicht-Strom. Im Falle der Musikinstrumente heißt das: Loch oder Nichtloch? Zinke oder Nichtzinke? Holzstäbchen oder Nicht-Holzstäbchen? Von dem aus konnte alles gesteuert werden. Die Lochstreifen, die die späteren und großen Instrumente steuerten, muten jeden Besucher auch heute noch wie die Lochstreifen oder –karten älterer Computer an.


Es bimmelt nur, wenn ein Stift hervorragt – das Spieluhrprinzip

Von hier aus gibt es dann auch lustige Entwicklungsausflüge: Eine Klopapierrolle, die Musik macht; ein Spielzeugauto, das rund um eine Schallplatte fährt und dabei den Ton erzeugt; ein Stuhl, aus dem Musik kommt, sobald man sich hinsetzt.

Klaviere boten schon viel Mechanik

Die wichtigste Stufe der Entwicklung stellte das Klavier dar. Hier gab es zunächst mechanisierte Vorsatzgeräte, die von vorne die Tastatur so bedienten, als spiele da eine Person. Da das Klavier ohnehin hochmechanisiert ist, machte es diesen Schritt leicht. Aber schon bald danach wurde die Technik in das Instrument selbst integriert. Diese Versionen wurden ein solcher Renner beim Publikum, dass sich im regen Leipzig ein Pianobauer darauf spezialisierte und die Serie Phonola nannte, während ein Amerikaner seine Serie Pianola nannte. Schon auf dieser Stufe konnte die Wiedergabe von Kompositionen sogar in der Interpretation eines Künstlers gestaltet werden. So als wäre es die Schallplatte!


Zuerst wurde die Mechanik außen vor das Instrument gesetzt

Die Triebkraft hinter dieser fleißigen Entwicklung ist klar: Musik war noch längst nicht überall so verfügbar wie heute. Es gab ein Grundbedürfnis, sich Musik überhaupt zu beschaffen. Nicht so wie bei uns heute, wo Gedudel überall aufgezwungen wird, ob beim Zahnarzt oder auf Toiletten oder in Aufzügen oder im Supermarkt – früher gab es doch auch nicht in Tante Emmas Laden an der Ecke. Noch ein Meister wie Smetana gab seine "Moldau" rasch nach Erscheinen auch für Klavier zu vier Händen heraus; denn es gab nicht viele Orchester, und durch die Pianoversion sicherte er die Möglichkeit, dass mehr Leute das Werk lebendig und zugleich preiswert aufführen konnten. Nun boten also die mechanischen Instrumente auch Leuten, die nicht selber ein Instrument spielen konnten, die Möglichkeit, ein vollständiges Werk bei sich zu Hause zu hören oder das Vorspiel auch zum eigenen Einstudieren zu nutzen, und darüber hinaus konnte die Musikdarbietung nun auch in Gaststätten oder bei Festen in Hallen Einzug halten und die Unterhaltung bereichern.


Könnte noch in eine Wohnung passen: Ein kleines Orchestrion. Man beachte die Lochstreifenrolle unten in der Mitte!

Pauken und Drehfiguren kommen dazu

Es blieb nicht dabei, dass Gespenster nur ein Klavier spielten: Geigen, Flöten, Pauken, Trommeln, Becken, Trompeten wurden ebenfalls mechanisiert und gesellten sich zum Klavier. Tanzschulen machten besonders gerne Gebrauch von der rhythmisch unterstrichenen Musik. Daher nimmt nicht wunder, dass die komplexen Instrumente dann "Orchestrion" genannt wurden. Eine moderate Ausgabe könnte einem helfen, unangenehme Nachbarn los zu werden. Das größte, ein Modell aus Amsterdam, wiegt fünf Tonnen und ist so groß, dass es nur in öffentlichen Räumen Platz findet.

Die Elektrik profitiert von der Mechanik

Alle diese Entwicklungen enthalten Vorläufer für die elektrisch mechanisierte Musik. Die Rille auf einer Schallplatte übersetzt das Ja-Nein-Prinzip in Bewegung. Zusammen mit der Elektrik war die rasante Weiterentwicklung der Musikinstrumente nicht mehr aufzuhalten. Erstaunlich ist jedoch, wie optimistisch, experimentierfreudig und stark auch hier erst noch probiert und gebastelt wurde: So gibt es Schallplattenspieler, die zwei oder drei Platten parallel ablaufen lassen und abtasten und auf diese Weise den ersten Stereoeffekt erzeugen.


So fing Stereo an: zwei bis drei Trichter mit derselben Tonquelle

Verachtet nicht die Vorstufen!

Die Energie, mit der die Menschen jahrhundertelang, besonders aber im 19. Jahrhundert, ihre Mechanisierungskünste weiterentwickelten, ausbauten, anderswo anwandten, enthält für die heutige Zeit noch eine weitere Lehre. Wir sind zu flüchtig und wollen immer gleich das Beste, und zwar immer so, als sei alles darunter überhaupt nichts wert. Da wurden etwa batteriebetrieben Autos vorgeschlagen. Was sagen die Experten? "Ach, dazu ist der Wirkungsgrad viel zu gering, dazu muss erst die Batterietechnik weiterentwickelt werden." Und so auf weiteren Gebieten. Wieso? Fangt doch erst einmal an! Ihr könnte doch die Batterietechnik entwickeln, während die ersten Autos schon fahren. Früher schleppten Fotografen Mordsstative mit sich herum, und ihr Blitzlicht sah wie das japanische Feuerwerk von Düsseldorf aus. Wenn denen ein Prophet gesagt hätte: "Ach, wartet ab, in ein paar Jahrzehnten geht das ganz ohne Film, rein elektronisch." Na, dann hätten wir all die Bilder ab dem 19. Jahrhundert heute nicht.

Das heißt: Durch die Sammlung in Varkaus zu gehen ist nicht nur eine Belustigung. Sie ist ein Vorbild für uns und zeigt uns auf, was aus Fleiß, Beständigkeit, Ideen, Phantasie und Kombinationsfähigkeit erarbeitet werden kann. Hat man etwas gründlich durchdacht, sorgfältig umgesetzt und beobachtet, so gebiert eine erste Idee gerne Folgeideen und übertragbare Nutzanwendungen. Dieses Museum in Varkaus ist grandios und so repräsentativ für kreatives menschliches Schaffen, dass man es in seiner Bedeutung nur unterschätzen kann.

Schöner Klang soll aus schönen Möbeln kommen

Dann gibt es auch eine weitere Komponente bei dieser Entwicklung. Mit viel Liebe wurden die "Möbel", in denen sich diese unglaubliche Technik befand, im Stile der Zeit gestaltet. Viele zeigen sich im Jugendstil, andere wie ländliche Häuser, wieder andere wie eine Kirmesbude. Dementsprechend sind dann auch die beweglichen Figuren gestaltet – die Mechanisierungsbegeisterung machte vor nichts Halt! Davor darf man ruhig staunend stehen bleiben, denn das ist Ausdruck dafür, dass man nicht eilfertig diese faszinierende Technik zusammenbastelte, sondern dass sie Teil des Lebens war und sich dementsprechend auch in die Mode der Gestaltungen fügte, die soeben aktuell war.

Einst also war der Wunsch, sich Musikgenuss beschaffen zu können, Triebkraft der Entwicklung. Der Mensch wurde als Spieler erübrigt und durfte zuschauen und zuhören. Später aber wurden Instrumente wie etwa Akkordeon plus Schlagwerk gebaut, die zwar selbstständig spielten, aber zuließen, dass sich einer dahinter setzte, der so tat, als ob er die Musik machte. Da wären wir wieder bei der Show angekommen.

Praktisch kommt hinzu, dass das Museum am Rande des Zentrums liegt, also unkompliziert anzufahren ist. Daher hat es auch reichlich Parkplatz. Das Gebäude selbst als ein einzelnes Villengebäude lädt zur Anschauung ein. Das Museum besteht seit 1981. Es wurde zunächst in Tuusniemi aufgebaut. Dann erforderte die wachsende Sammlung der Familie Kempf – sie umfasst mittlerweile 400 Instrumente – eine größere Bleibe, und hier sprang die Stadt Varkaus ein. Seit 1988 befindet sich die Sammlung am Standort Varkaus. In sieben großen Sälen kann man die Instrumente heute bewundern. Die Experten bieten auch Reparaturen an.

Hamburg, im August 2018

A Martin Steffe

Fotos: ©Pawel Kempf, Mekaanisen Musiikin Museo, Varkaus/Finnland